Leben ist wie Scherben essen

und sich wundern,

dass man Blut spuckt.

(Dirk Bernemann)

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Mittwoch, 26. Juli 2017

Ging es um die Sterne, oder ham wir uns belogen?

"Wohin führ'n uns're Wege? Wo bist du in diesen Tagen? Ich kann dich nicht vergessen. Ich rufe deinen Namen."
Es gibt Musik, die einem die ganzen sorgfältig versteckten und verdrängten Erinnerungen zurückbringt. Und zwar alle auf einmal. Diese Musik bringt einen zurück an verwunschene Orte in einer längst vergessenen Zeit. Soweit ich mich erinnern kann, fing alles mit ebendieser Musik an. Ich kann fast alle Texte mitsingen und zu so gut wie jedem Song eine Anekdote erzählen. Jetzt, als ich diesen Song plötzlich unerwartet auf einem Mixtape höre, drücke ich sofort "Repeat one" und bekomme fast Tränen in die Augen aufgrund der Ausweglosigkeit des Daseins.
Doch irgendwas ist anders. Irgendetwas klopft an mein Gehirn und will rein, und dann wieder raus auf's Papier.

"Sag mir, was hast du getan? Denn dein Licht brennt immer noch in mir. Für immer."
Das Alles, das ganze Drama, fing vor Jahren an. Eine trunkene Nacht und die Lichtgestalt.
Ich habe gelernt, dass die Realität unmöglich ist, die Liebe unglaubwürdig, was es bedeutet, einfach da zu sein. Die Arroganz, der Egoismus, die Fick-dich-Attitude.
All die Zeit hat mich geprägt.

"Hat Gott auf mich geschissen oder warum ließ ich dich gehen?
All die Episoden, bei denen nie wirklich was passierte... Und die anderen... Mich wundert es, dass wir uns heute noch verstehen.
Und deshalb frage ich mich, ob ich dieses Leben und die Liebe wohl jemals ernst nehmen kann.

Ich schwelge in der Musik, in den Erinnerungen & ich fange an, zu bereuen, was ich nicht getan habe.

"Ich sitze hier im Dunkel. Die Zeit steht still. Ich denke nach, über dich und mein Gefühl."

(Textauszüge: Böhse Onkelz - Für immer)

(2010)

I'm not crazy - I'm just fond of you

So liegen wir da. Nach einem Höllentrip durch die Nacht. Irgendwann erkannt, verrannt, verbrannt. Im Moment zählt nichts. Nur der Blick aus dem Dachfenster, der den nahenden Morgen anzeigt.

Und nur, weil jeder es glaubt,
istes noch lange nicht wahr.
Und nur, weil jeder es vermutet,
wird es noch lange nicht real.

Es ist ein Morgen jenseits des Alltags, so als wären wir kurz ausgestiegen. Auszeit von der Realität, Urlaub vom Leben.
Wir sind wie Verbrecher auf der Flucht, auf der Flucht vor unserer grenzenlosen Panik vor der Normalität.
Wir sind geflüchtet, weil all diese Gestalten uns entsetzten. Dieses betrunkene Kokettieren ist doch krankhaft. Ekelerregend. Fürchterlich. Wären wir nicht geflohen, wäre es bestimmt zu Gewalttaten gekommen. Hass am Abzug.

Wir fliehen regelmäßig. Der letzte Ausweg. Wir müssen fliehen, um uns zu retten.

Er hat mir erklärt, dass dagegen auch Drogen machtlos sind - die dummen Gesichter erscheinen einem dann nur noch grausamer. Formvollendeter Wahn.

Während wir so daliegen, frage ich nach der Bedeutung.
Ich habe Angst, uns zu verlieren.

(2010)

Realität ist die abstrakte Illusion zerstörter Ideale

Irgendwann versteht man nichts mehr. Die Gedanken rasen in meinem Kopf und ich begreife sie nicht. Ich weiß nicht, wie es weiter geht.

Ich würde gerne auf NEUSTART drücken, alles Gewesene/Verwesende auslöschen - die Gedanken, Gefühle, die Worte, die Menschen, die Ängste, Hoffnungen und Träume. Meine Entscheidungen revidieren, Episoden zensieren, also kurz gesagt: Alles ändern. Zurück auf Anfang.
Dann hätte ich wenigstens eine geringe Chance, es richtig zu machen.

Und wenn das schon nicht geht:
Kann mir dann wenigstens jemand erklären, wie es dazu kam?
Ich würde zumindest gerne begreifen, warum ich diese und jene Entscheidungen traf, und ich möchte verstehen, wie ich an diesen Punkt kam. Und ich möchte wissen, warum es mir so vorkommt, als hätte ich etwas Wichtiges vergessen, oder verloren...

(2010)

Seriöses Auftreten trotz total kaputten Innenlebens

Wir liegen nebeneinander im Bett. Wir gucken Filme. Die Klassiker. Den ganzen Tag. Wir reden von Patrick Bateman. Ich bin erstaunt, dass er meine Ansichten teilt - zumindest größtenteils, nur dessen Aussehen interessiert ihn nicht - klar, er steht ja auf Frauen.

Ich bin fasziniert von Patrick Bateman. Er ist die Extrem-Verkörperung aller interessanten Menschen. Er sieht so unglaublich gut aus, er trägt eine tolle Fassade, dabei hat er aber die brutalsten, perversesten Gedanken. 

Im Prinzip ist es doch immer so, wie Oscar Wilde sagte: "Alle anziehenden Leute sind immer im Kern verdorben."

All die Menschen, die wir heute schon auf dem Bildschirm gesehen haben, bestätigen dies.
Derek Vinyard ist am heißesten, wenn er auf der Straße auf die Knie fällt oder sein Tattoo zeigt - mit diesem irrsinnigen, selbstzufriedenen Grinsen.
Pete Dunham ist der Wahnsinn, obwohl oder gerade weil er fanatisch ist.
Crash ist innerlich total kaputt, und wahrscheinlich deshalb so anziehend.

Ich sehe ihn an und plötzlich wird mir klar, dass er genauso ist. Er ist irrsinnig hübsch, er kann nett sein, aber im Prinzip ist auch er fanatisch-böse. Und genau das wird der Grund sein, warum er mich versteht.

(2009)

Ich suche Sucht und finde dich

Ich habe noch immer Angst vor der großen Aussprache, deshalb flüchte ich. Als ich an der Theke stehe und mir die Frage stelle, ob Alkohol mir die Sache erleichtert oder erschwert, stellt er sich neben mich. Lächelt mich an, dieses bezaubernde, scheue Lächeln. Das ist wie einer dieser Augenblicke in den Filmen, dies Love-at-first-sight-Momente...Wenn ich es nicht besser wüsste. Und ich weiß es schließlich besser!
Ich überlege, welche Augen schöner sind - seine oder die des aktuellen Liebchens? Stop - never to think about! Denn ich vermute, die Antwort würde alles relativieren, weil ich dann ganz neue Sorgen hätte.

"Stell dir mal vor, du bist auf LSD und alles verschwimmt in bunten Lichtern und ich bin die einzige Person, die du klar siehst. Was würde das bedeuten?", fragt er.
Da sind sie wieder: Seine Fragen, die mein Gehirn nicht verträgt. Drogen sind für mich kein Thema, und das andere darf kein Thema sein. "Weißt du", sag ich und küss ihn zur Begrüßung auf die Wange, "das würde nur bedeuten, dass du die klarste Persönlichkeit im Raum bist und um das zu wissen brauch ich kein LSD!" Er lacht. Doch ich frage mich, wo das noch hinführen soll.

(2009)

Ich könnte es dir erklären, aber dein Gehirn würde explodieren

Very funny indeed. Die Dinge, die wir sehen, langweilen uns. Wir werden sie vergessen haben, noch bevor die Nacht endlich den Tag niedergekämpft hat. 

Irgendwo und irgendwann ist mal ein Überschuss an Bildern in unseren Köpfen entstanden und jetzt sind wir nicht mal mehr in der Lage, das Gesicht des anderen zu beschreiben, wenn er weg ist. Wir können uns nur an das gute Gefühl erinnern, das es in uns weckt.

Und sowieso: Eigentlich interessiert es uns nicht sonderlich. Es ist wichtiger, unseren eigenen Gedanken Bilder zu geben. Die Realität langweilt uns, also leben wir mit der Phantasie. 

Wir können zwar nicht sagen, wie diese Kirche aussieht, aber wir können in schillernden Einzelheiten beschreiben, wie sie in Flammen aufgeht und einstürzt.
"Versuch das mal jemandem zu erklären...", sagt er. Ja, denn das könnte man nicht. Es sind kranke, absurde Gedanken, aber doch eigentlich nicht weit entfernt von der Realität. Weil: Irgendwo wird bestimmt gerade jemand damit beschäftigt sein, eine Kirche in die Luft zu sprengen. Wir leben nämlich in so einer Welt.

Das Reizvolle ist nicht die tatsächliche Umsetzung, sondern die Vorstellung. An die Vorstellung reicht die Realität nämlich meistens nicht ran. 

Und so fliehen wir, weil wir zu zerbrochen sind zum Kämpfen. Und lassen dabei ein bisschen hinter uns, zwar nicht weit genug, aber immerhin.

Wäre es nicht wunderbar, morgen aufzuwachen und all den Irrsinnskram, den wir mal gelernt haben, vergessen zu haben? Den ganzen Seelenschrott, die ganzen Menschen, die ganzen bösen Erinnerungen - allet weg, allet jut?! 
Das Kopfgefickt-Gefühl würde verschwinden & Platz schaffen für wichtige Dinge.

(2009)

Das Einzige, was mir noch hilft, wenn nichts mehr geht...ist Musik

Manchmal ist es das Größte, morgens um halb vier durch die Straßen zu laufen. Musik auf den Ohren und Red Bull in der Hand. Allein. Kopfhörer auf, Musik an, Welt aus.

"Thinkin that only the dead are forever young"
So ist es auch mit gestorbenen Lieben, denke ich.
Und ich werde bei diesem Song immer zwei Dinge vor Augen haben: Pete Dunham, wie er am Boden liegt und totgetreten wird; und meine Beerdigung. Es gibt viele Songs, die ich auf meiner Beerdigung hören will, nur: Ich werde sie dann nicht mehr hören können, und die Leute, die sie dann noch hören können, werden die Bedeutung nicht verstehen. Welche Verschwendung!

"The shorter story, no love, no glory, no hero in her sky. I can't take my mind off of you"
Nur ich, die leere Straße, die Musik, das Red Bull, die gefühlte fünfzigste Zigarette und die Erinnerung an das eine Ende. Nervenzusammenbruch. Tränen. Krise. Und nach 3 Tagen Neben-mir-stehen, nicht-ich-selbst-sein: Nichts mehr. Nothing. Irgendwie abartig, wie schnell meine Gefühle verfliegen.

"I just hide behind the tears of a clown"
Genau, denke ich. Einfach weitergehen. Den Kopf frei kriegen. Hut tiefer ins Gesicht ziehen, damit niemand die Tränen sieht. Ich hasse es, zu heulen, noch mehr hasse ich nur die Menschen, die versuchen, zu trösten. Ich war nie ein Kind, das schrie und brüllte, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich will einfach nur mit der Trauer allein sein.

"I just want to be there when we're caught in the rain"
Das macht es schlimmer, doch die Stimme macht es erträglich. Die Stimme ist der Wahnsinn. Wenn er von Liebe singt, denkt man unweigerlich an Sex. Das macht den Song glaubwürdig.

Musik ist etwas, das mich mit den wichtigen Personen verbunden hat & es noch heute irgendwie tut.
Alle wesentlichen Menschen hatten Musik in meiner Story. Ich bin wohl überhaupt nicht in der Lage, das ganze ohne Musik zu empfinden, zu erleben, zu überleben. 
Es gab unzählige Songs, die ich mit besonderen Menschen gemeinsam gehört, gefeiert, geliebt habe.
Haben wir die Bedeutungen gleich erfasst? Warum hab ich nie etwas begriffen? Haben wir uns durch die Musik definiert?
Hätte es bei irgendwem etwas geändert, wenn wir Klartext gesprochen hätten, statt uns Songs um die Ohren zu hauen? 

Einige der Geschichten können mit Musik geschrieben werden.

"This music will never be the same without you."

(2009)

Über meine Gefühle reden?! Äääähm...ich bin dann mal weg!

Irgendwann kommt zwischen zwei Menschen der Punkt, an dem man über seine Gefühle zum anderen sprechen muss. Diesen Punkt möchte ich einfach überspringen, wenigstens dieses eine Mal, denn ich möchte ihn nicht anlügen und die Wahrheit wird ihm vielleicht weh tun.

Er ist mir ähnlicher, als die Idioten, die mich sonst umgeben. Und ich mag ihn. Wirklich. 
Sonst bedeutet es mir nichts & es interessiert mich auch nicht. Damn it, was kann ich dafür, dass meine Gefühle nicht tief gehen! Ok. Wirklich.

Vielleicht hab ich auch Glück und er versucht wie ich diesen Punkt einfach zu umgehen.
Wenn dem aber nicht so ist, werde ich mir wünschen, ich wäre ein besserer Mensch. 
Denn ich will ihm nicht erklären müssen, wie viel er mir bedeutet, obwohl ich gleichzeitig weiß, dass es niemals genug sein wird. 
Ich will ihm nicht erzählen müssen, dass die Worte "Ich liebe dich" für mich nur ein Stereotyp sind, dass ich dabei nicht das empfinde, was der Standard zu empfinden scheint.
Ich will ihm nicht sagen sagen müssen, was ihn verletzen wird, nämlich, dass ich Liebe zwar manchmal nachempfinden kann, dass es aber nie auf Dauer ist und dass es nie mit ihm zu tun hat.

Ich will dieses Gespräch nicht führen. Nicht mit ihm. Punkt.

(2009)

He's never enought, but still: He's more than I can take

Heute sitzen wir wieder da und reden über Belangloses. Es ist noch immer unfassbar für mich, dass ich schon so lange von seiner Existenz weiß und trotzdem ohne ihn gelebt hab.

Wo war er, als ich meinen ersten Kuss bekam? Wo war er, als ich mich das erste Mal ernsthaft verliebte bzw. es glaubte? Wo war er bei der ersten Katastrophe, beim Treppensturz, bei der Stäbchen-Episode, in der Hey-Baby-Ära, usw... Wo war er?
Wahrscheinlich unweit von mir. Er hat sein Leben gar nicht so entfernt von mir geführt. Bestimmt waren wir oft auf den gleichen Parties, nur eben nicht gemeinsam.

Und nun kennt er meine, und ich seine Geschichte. Jetzt können wir in der Gegenwart weitermachen. Dabei zerstört er Illusionen: "Der Typ mag dir ähnlich sein, aber er ist ganz einfach nicht wie du. Er wird es sicher ernst meinen und sich vielleicht verlieben in dich. Denk mal an die Typen vor ihm, mit Blumen vor der Tür oder Songs vorm Fenster... Aber es bleibt ja noch die Hoffnung, dass ich mich täusche"
Na dann... Wohlauf!

(2009)

Die entartet sind, finden keine Zuflucht

Wenn alle Menschen so denken und empfinden würden wie ich, ich glaube, dann wäre die Welt schon verbrannt - ein schöner, riesengroßer Feuerball im Universum. Forever gone.
Ein absurder Gedanke? Vielleicht.

Und er sitzt da neben mir und denkt ähnlich wie ich. Was ein Mörderduo, wie Bonnie und Clyde, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.
Nur: Wir sind nicht Bonnie und Clyde und wir wissen das.
"Stell dir mal vor, wir wären ein Paar...", sagt er, und ich: "Ja... und alle so auf: 'Was ein perfektes Paar - die sind sich so ähnlich' und keiner würde merken, dass gerade das nicht gut ist..." Er meint: "Ja, denn vermutlich würden wir durchdrehen. Wir würden ein Geheimnis leben, das keiner versteht."

Faszinierende, kranke Gedanken im Sonnenschein.
Er war immer ein Träum, nie hätte ich gedacht, dass wir uns mal so ähnlich sein würden. Wir sprechen die gleiche Sprache... Wie konnte das denn bitte passieren?!
Wenn er redet, klingt er ernst und seine Augen -blaue Augen- strahlen boshaft. Ich glaube, ich hab mein Leben verpasst.
Ich hätte nie gedacht, dass wir uns mal so ähnlich sein würden. Und so nah.

(2009)